Das fremd bleibende soziale Medium | Teil 1
Vertrauter Name, völlig anderes Medium
Kommt gerne mit in eine Denkbewegung, die mir bei mancher Anbahnung einer Fachkräftefortbildung Zähneknirschen bereitet. „Nicht zu theoretisch soll es werden“. Denn:„Die sind eher Praktizierende und wollen so wenig wie möglich mit Zahlen und Modellen gequält werden.“
Nun. Das nehme ich völlig anders wahr.
Oft sind die mir für einige Stunden Anvertrauten froh, wenn es rüttelt und den Blick zugleich in die Breite, in die Tiefe und bisweilen in ungeahnte Weiten führt. Eher noch: Mein Eindruck ist, dass alle Angst vor flachen Formaten haben. Nur spannend sollen sie sein und klar, am Ende praktikabel.
Wie kommt‘s? Nun, kauen wir das einmal am sozialen Medium durch.
Von Interventionen, die dem Gegenstand davoneilen
Sobald die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen in den Fokus rückt, bewegt sich der Wunsch über die inhaltliche Ausrichtung häufig mit großer Geschwindigkeit auf die ersehnte Handlungsebene zu.
Ärzt:innen, Lehrkräfte, Psychotherapeut:innen und Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe suchen nach Antworten auf ein Verhalten, das sie beobachten, in Beziehung zu einer angenommenen Norm setzen und schließlich als problematisch, riskant oder interventionsbedürftig einordnen. Gefragt wird nach Regeln, Gesprächsleitfäden, diagnostischen Hinweisen und möglichst klaren, vielleicht sogar manualisierbaren Vorgehensweisen: Was sollen Fachkräfte tun, wenn ein junger Mensch sich dem Gespräch entzieht, die Nacht vor dem Bildschirm verbringt, fortwährend durch kurze Videos gleitet oder auf Versuche der Begrenzung mit Wut, Verzweiflung oder einem Außer-Kontakt-Treten reagiert?
Was davon ist eigentlich neu: die Bewegung selbst, unsere Beobachtung ihrer oder die Architektur der Plattformen, innerhalb derer sie entsteht? Und ist die Eile womöglich bloße Ökonomie? Fortbildungszeiten sind knapp, institutionelle Handlungsdrücke erheblich und der Wunsch nach einer unmittelbar einsetzbaren Antwort verständlich. Der Weg soll möglichst rasch von der Beobachtung zur Einordnung und von der Einordnung zur Intervention führen. Dabei gerät eine vorgelagerte Frage aus dem Blick: die Frage nach der Wirklichkeit, in der dieses Verhalten entsteht.
Wir beobachten das Subjekt, vermessen seine Nutzungszeit, beurteilen seine Fähigkeit zur Selbstbegrenzung und leiten aus seinem Verhalten einen pädagogischen oder therapeutischen Bedarf ab. Die Beschaffenheit des Mediums erscheint innerhalb dieser Relation häufig als bereits bekannt. Schließlich nutzen auch Erwachsene soziale Medien, kennen ihre Ablenkungen, ihre Zumutungen und bisweilen auch die eigentümliche Sogwirkung eines endlosen Feeds. Die Vertrautheit mit dem Gebrauch vermittelt dabei leicht den Eindruck einer Vertrautheit mit dem Gegenstand.
Ihr merkt: Hier will ich rütteln, wenn ich es schon so weitschweifig anführe.
Vertraut mit dem Gebrauch, fremd im Gegenstand
Eine phänomenologische Annäherung fragt zunächst danach, was einem Menschen in der Nutzung widerfährt: welche Welt sich vor ihm öffnet, welche Regungen sie aufgreift, welche Handlungen sie nahelegt und in welcher Weise sie sich seiner Aufmerksamkeit, seinen Affekten und seiner gegenwärtigen Verletzlichkeit darbietet. Damit verschiebt sich der Blick vom vermeintlich auffälligen Subjekt auf die Beziehung zwischen seinem Erleben und den Bedingungen, unter denen dieses Erleben Gestalt annimmt.
Die phänomenologische Frage erschließt dabei zunächst die Erfahrung. Eine medienökonomische und techniksoziologische Analyse richtet sich anschließend auf deren Bedingungen: auf Gestaltung, Auswahlmechanismen, Geschäftsmodelle, soziale Kontexte und jene technischen Möglichkeiten, die bestimmte Handlungen wahrscheinlicher, leichter oder anschlussfähiger werden lassen. Beide Bewegungen gehören zusammen. Die Betrachtung des Mediums ersetzt die Auseinandersetzung mit dem Subjekt ebenso wenig, wie eine Betrachtung des Subjekts die Architektur seiner medialen Umwelt erfassen kann.
Diese Verbindung verlangt ein gewisses Maß an analytischer Langsamkeit. Zum Primat der Überlegung wird damit die Aufgabe, einem scheinbar vertrauten Medium mit der Neugier gegenüber einem weitgehend unbekannten Gegenstand zu begegnen. Gerade digitale Plattformen verändern ihre Funktionsweisen fortlaufend, während ihre maßgeblichen Auswahl-, Verstärkungs- und Bindungsprozesse für die Öffentlichkeit nur begrenzt einsehbar bleiben. Die Plattformunternehmen verfügen über die Verhaltensdaten, die technische Infrastruktur und die Möglichkeit, ihre Systeme in hoher Geschwindigkeit zu verändern. Pädagogische Praxis, psychosoziale Versorgung und Forschung begegnen den daraus entstehenden Dynamiken häufig zeitversetzt, unter Bedingungen eingeschränkter Datenzugänge und in der Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, der sich während seiner Untersuchung bereits weiterentwickelt.
Zwar entstehen mit dem Digital Services Act neue Zugangsrechte für qualifizierte Forschung. Doch auch bereitgestellte Datensätze, Programmierschnittstellen und Transparenzberichte bilden jeweils nur Ausschnitte jener Systeme ab, aus denen sie hervorgehen. Daten können in ihrem Umfang begrenzt, von relevanten Metadaten getrennt oder in einer Form zugänglich sein, die eine belastbare Rekonstruktion konkreter Empfehlungsverläufe kaum erlaubt. Die Plattform bleibt damit zugleich Forschungsgegenstand und Verwalterin wesentlicher Bedingungen ihrer Erforschbarkeit.
Zwischen Intransparenz und Erkenntnis
Diese Asymmetrie begrenzt die Sicherheit unserer Schlussfolgerungen. Sie setzt das Denken selbst jedoch keineswegs außer Kraft.
Zwischen kausaler Gewissheit und erkenntnistheoretischem Verstummen liegt ein weiter und fachlich unverzichtbarer Raum: Wir können beobachten, Beschreibungen miteinander in Beziehung setzen, wiederkehrende Muster erkennen, alternative Erklärungen prüfen und heuristische Annahmen formulieren. Wir können benennen, an welchem Punkt eine Beobachtung endet und eine Deutung beginnt. Wir können Deutungen verwerfen, wenn sie sich am Gegenstand als unzureichend erweisen. Die fehlende Einsicht in Quellcodes, Gewichtungen und fortlaufende Systemveränderungen macht aus jeder Interpretation eine vorläufige. Gerade darin liegt ihr Wert als Denkbewegung: Sie bleibt prüfbar, korrigierbar und offen für jene Erfahrung, die sich einer vorschnellen Erklärung entzieht.
Aus dieser Auseinandersetzung ist die Idee entstanden, LinkedIn und den Blog von Klarer Blick künftig auch als Orte einer fortlaufenden fachlichen Selbstverständigung zu nutzen. Das Schreiben soll mir ermöglichen, Beobachtungen aus Fortbildungen, Beratung und wissenschaftlicher Auseinandersetzung genauer zu fassen, ihre Voraussetzungen zu prüfen und jene Gedanken zu verdichten, die im Wunsch nach einer schnellen Lösung leicht verloren gehen. Der erste Schritt gilt deshalb dem Medium selbst: seinem Wandel, seinen Affordanzen und der Frage, welche Wirklichkeit es seinen Nutzer jeweils zur Verfügung stellt.
Der Name bleibt, der Gegenstand wandelt sich
Eine solche Betrachtung braucht zunächst eine geschichtliche Korrektur. Die frühen sozialen Netzwerke waren weder reine Beziehungsräume noch frei von kommerziellen Interessen, Selbstdarstellung, Reichweitenlogiken und algorithmischer Auswahl. Bereits die wissenschaftlichen Definitionen der 2000er-Jahre beschrieben ein vielfältiges Feld: öffentliche oder teilöffentliche Profile, sichtbar gemachte Verbindungen, bestehende Freundschaften, neue Bekanntschaften, gemeinsame Interessen, Blogs, Bilder und zunehmend auch Videos. Facebook führte seinen News Feed bereits 2006 ein. Die Kuratierung von Sichtbarkeit gehört daher sehr viel länger zur Geschichte sozialer Plattformen, als eine einfache Gegenüberstellung von früherer Beziehung und gegenwärtigem Content vermuten ließe.
Und doch hat sich ihr Schwerpunkt erheblich verschoben.
Für viele Menschen meiner Mediengeneration bestand die prägende Erfahrung zunächst darin, soziale Beziehungen digital fortzuführen. Man begegnete einander auf Feiern, in Schulen, Universitäten oder gemeinsamen Milieus und setzte diese Begegnung über ICQ, SchülerVZ, StudiVZ oder Facebook fort. Man suchte Personen, durchquerte sichtbare Freundschaftsnetzwerke, teilte Interessen und verlängerte Gesprächsfäden über die Grenzen körperlicher Anwesenheit hinaus. Das Medium spannte sich zwischen Menschen auf. Es stellte einen Raum bereit, in dem soziale Wirklichkeit bewahrt, verdichtet und bisweilen auch neu hervorgebracht wurde.
Der Begriff ist geblieben. Der Gegenstand, den er bezeichnet … nun, er ist, je nach Lesart, mutiert oder hat eine Evolution erfahren.
Die Veränderung besteht dabei in einer Verschiebung des medialen Gravitationszentrums. Frühere soziale Netzwerke organisierten Sichtbarkeit vornehmlich entlang eines sozialen Graphen: über Freundschaften, Kontakte, Gruppen und andere öffentlich artikulierte Beziehungen. Gegenwärtige Plattformbereiche organisieren Aufmerksamkeit zunehmend entlang eines Interessengraphen: über vorhergesagte Reaktionen auf Inhalte, über Wiedergabedauer, Wiederholung, Verweilen, Abbruch, Suche, Kommentar und Weiterleitung.
Wo in vielen frühen Nutzungssituationen die Beziehung den Inhalt hervorbrachte, bringt heute der Inhalt zunehmend die Beziehung zur Plattform hervor. Aus dem digitalen Zwischenraum sozialer Fortsetzung ist eine hochindividualisierte Medienumwelt geworden, in der Beziehung, Unterhaltung, Information, Konsum, Selbstdarstellung und Öffentlichkeit ineinandergreifen. Die Sozialität besteht fort. Sie wird jedoch in eine umfassendere Logik algorithmischer Kuratierung und verhaltensökonomischer Verwertung eingelassen.
Auch der Affordanzcharakter dieser Medien ist historisch beweglich. Affordanzen bilden keine starren Eigenschaften einer Plattform. Sie entstehen in der Beziehung zwischen technischen Möglichkeiten, wahrgenommenen Handlungsspielräumen, kulturellen Deutungen, situativen Bedürfnissen und den Kompetenzen eines Menschen. Dieselbe Plattform kann als Kommunikationsraum, Bühne, Nachrichtenquelle, sexuelles Lernmilieu, Unterhaltungsmedium oder Ort sozialer Unterstützung erfahren werden.
Der relationale Charakter von Affordanzen hebt die Bedeutung technischer Gestaltung allerdings keineswegs auf. Eine Plattform legt durch ihre Oberfläche, ihre Voreinstellungen, ihre Rückmeldungen und ihre Auswahlmechanismen bestimmte Handlungen näher als andere. Sie verteilt Sichtbarkeit, erleichtert Wiederholung, erzeugt Unterbrechung oder Kontinuität und entscheidet mit darüber, ob sich ein Mensch zunächst in seinem sozialen Netzwerk oder in einem potenziell unabschließbaren Strom empfohlener Inhalte wiederfindet. Eine Person, die ihre digitale Sozialisation mit ICQ, SchülerVZ, StudiVZ oder dem frühen Facebook erfahren hat, begegnete daher einer anderen Konfiguration medialer Aufforderungen als ein junger Mensch, dessen Nutzung durch TikTok, Reels und algorithmisch verkettete Videofolgen geprägt ist.
Aus Verhaltensinterpretation wird der nächste Vorschlag im Feed
Der Feed bildet innerhalb dieser Konfiguration das vorläufige Ergebnis einer fortwährenden Verarbeitung beobachtbarer Spuren: angesehen, entmutet, übersprungen, wiederholt, gesucht, geteilt; für einen Moment festgehalten, erneut aufgerufen oder rasch verlassen. Aus diesen Spuren berechnen Systeme Wahrscheinlichkeiten darüber, welcher Inhalt im nächsten Augenblick eine weitere Interaktion oder längere Aufmerksamkeit erwarten lässt.
Sie verarbeiten Spuren, schaffen Kontext.
Ein langes Verweilen kann Interesse ausdrücken, Verunsicherung, Abscheu, Faszination, Angst oder ein kaum benennbares Gebanntsein. Das System benötigt diese Unterscheidung für seine nächste Auswahl nur bedingt. Verschiedene innere Zustände können denselben beobachtbaren Datenpunkt hervorbringen und dadurch funktional gleichbehandelt werden. Die berechnete Wahrscheinlichkeit kehrt anschließend als neuer Inhalt zum Menschen zurück, erzeugt weitere Spuren und verändert damit die Grundlage der folgenden Auswahl.
Das Interesse geht dem Angebot zunehmend seltener in vollständig ausgeprägter Form voraus. Es kann auch im wiederholten Angebot, in der algorithmischen Häufung und in jener schleichenden Verengung entstehen, durch die ein beiläufiges Verweilen zum Präferenzsignal und ein Präferenzsignal zur immer bestimmenderen Medienwirklichkeit wird. Der Mensch trifft im Feed auf ein Modell seines bisherigen Verhaltens: fragmentiert, probabilistisch gelesen, auf Anschlusswahrscheinlichkeit hin geordnet.